Teil 1 – Ist das Gründungsdatum der Schlaraffia möglicherweise eine Fälschung?

Lesezeit: 8 Minuten

Eine Frage, die ich mir und anderen Schlaraffen stellte. Von Ablehnung bis hin zu Lob erntete ich alles an Rückmeldungen zahlreicher Kantzler schlaraffischer Reyche, die ich anschrieb. Angespornt von den positiven Rückmeldungen verschiedener Reyche, machte ich mich deshalb im Januar 2017, anlässlich meiner Ritterarbeit, auf die Suche nach dem Gründungsdatum der Schlaraffia. Sechs Monate lang recherchierte ich und habe dazu gut 3.000 Schriften des 18., 19. und 20. Jahrhunderts gesichtet und durchforstet. Etwa 260 relevante Beiträge sind dabei in Zeitungen gefunden worden; stellenweise erhielt ich historische Unterlagen von Schlaraffen zur Schlaraffia zugestellt. Die schlaraffischen Unterlagen dienten mir als Ursprung getroffener Aussagen, um diese auf Richtigkeit überprüfen zu können. Auch das 60 Jahre alte Archiv meines Heimatreychs der Rio Carioca diente mir in meinen Recherchen.

Liebe Leser, ich kann Ihnen versprechen, auf viele interessante Entdeckungen gestoßen zu sein. Lesen Sie nun meine Reise über den Ursprung der Schlaraffia.

Wieso kennen wir das Gründungsdatum der Schlaraffia so genau oder
wurde womöglich geflunkert?

Die Entstehungsgeschichte der Schlaraffia ist allseits manifestiert mit dem Gründungsdatum des 10. Oktober 1859. So steht es auch im Schlaraffen-Spiegel. Hinzu kommt die Geschichte, dass der Schlaraffia der „Proletarier-Club“ zu Prag vorausging1. So ist z. B. in der „Chronica allschlaraffiae“, die von Ritter „Drasal vom Glockenturm“ - seinerzeit Archivar der Allmutter Praga - 1898 verfasst wurde, zu lesen, dass der Direktor des Prager Theaters, Herr Franz Thomé, dem Künstlerverein „Arcadia“ angehörte. Eines Tages soll Thomé einen Künstler seines Theaters der Arcadia zur Aufnahme gemeldet haben, der aber nicht dem Bilde des „Protzentums“, das in der Arcadia ebenfalls herrschte, entsprach. Es ist überliefert, dass es deshalb zu Diskussionen kam, in deren Verlaufe das Wort „Proletarier“ gefallen sein soll. Über diesen Zustand entrüstet, entschloss sich Thomé mit seinen wenigen Mitgliedern die Arcadia zu verlassen. Thomé und seine Künstler gehörten zu gleicher Zeit einem anderen Künstlertreff2 an, der weder Namen, noch Statuten besaß und sie ihre zwanglosen Zusammenkünfte in der Freunds Restauration/Ecke der Wassergasse und Grube allabendlich hatten.
Direktor Thomé berichtete eines Abends im Frühjahr 1859 diesem Künstlertreff, was sich in der Arcadier ereignete, weshalb sich die namenlose Tafelrunde, zum Trotz der Arcadier, nun „Proletarier-Club“ nannte. Weil aber die anfängliche Begeisterung im Sande zu verlaufen drohte, die Zahl der Mitglieder schrumpfte, soll der Opernsänger Albert Eilers am 10. Oktober 1859 die verbliebenen Gesinnungsgenossen verpflichtet haben, mit Hand und Wort treu und fest zusammenzustehen, so dass auf Vorschlag des Redakteurs Tobisch dem neuen Verein der Name „Schlaraffia“ gegeben wurde.

Diese Darstellung ist die Ausgangssituation für meine Ritterarbeit und ich ging der Frage nach, ob wir wirklich das Gründungsdatum der Schlaraffia so exakt bestimmen können und, ob die Entstehungsgeschichte sich so, wie oben aufgeführt, ereignete?

Anmerkung:
Bevor ich in alle Details einsteigen werde, die ich recherchierte, so halte ich es für möglich, dass weder das Gründungsdatum, noch die überlieferte Gründungsgeschichte sich so ereignet haben muss, wie sie uns Schlaraffen seit vielen Jahrzehnten erzählt wird.

Mir ist bewusst, dass meine These provoziert und manchen Schlaraffen nicht gefallen wird. Ich werde zwischendurch auch immer mal wieder einen Exkurs zu anderen Fundstellen machen; nicht, weil ich von meiner ursprünglichen Fragestellung abweichen oder ablenken will, sondern, weil das Recherchieren auch dem Effekt des Serendipitätsprinzips3 unterliegt.

Meine Ritterarbeit soll deshalb zur Diskussion anregen und aufzeigen, dass durch die Nutzung des Internets man ebenfalls zu neuen Erkenntnissen gelangen kann, so wie Ritter Vitruvius im Vorwort zur Chronik des Verbands Allschlaraffia zur Hundertjahrfeyer in Norimberga a.U. 100 (1959) folgendes schrieb:

Wichtig dabei war auch, daß die „Entstehungsgeschichte“, wie sie von „Drasal“ auf uns überkommen, auf Grund der durch gewissenhafte Forschung gewonnenen neuen Erkenntnisse einer grundlegenden Wandlung und Richtigstellung unterzogen wurde4.

Heute, 59 Jahre später, leben Schlaraffen im Informationszeitalter, das die Gesellschaft mit einer Informationsfülle versorgt, die Generationen zu spalten scheint. Die Schlaraffia, die sich der Kunst, des Humors und der Hochhaltung der Freundschaft verschrieben hat und seit 159 Jahren weltweit existiert, spielt nach wie vor ein mittelalterliches Ritterspiel, um sich den Flausen des profanen Lebens für ein paar Stunden in der Woche zu entziehen. Und wahrscheinlich ist dieses Spiel heute noch wichtiger denn je geworden, um seinem Geist eine Auszeit der Profanei zu gönnen und fit für Kulturelles zu erhalten.
Andererseits darf man aber gewisse Tatsachen nicht verdrängen, die der Schlaraffia feindlich sind. Das ist einmal eine extreme Überalterung der Sassenschaft und der Konflikt mit dem Wandel der Zeit, z. B. der Informationsverteilung/-schnelle und deren Kommunikation untereinander.

Was die Überalterung angeht, so ist das Wachstum der schlaraffischen Mitglieder in den vergangenen Jahrzehnten, nicht mit dem Wachstum der weltweiten Bevölkerung gediehen. Die letzten 100 Jahre zeigen auf, dass es z. B. im Jahr 19155 etwa 7000 Schlaraffen weltweit gab.
In „Derer Schlaraffen Zeyttungen Nr. 8 des Wonnemonds a.U. 107 (1966), 94. Jahrgang“ ist von Ritter Sindbad (309) auf Seite 16 folgendes zu lesen:

Um 8000 Männer wöchentlich einmal zusammenkommen zu lassen, und das praktisch ein Leben lang, bedarf es schon starker Anreize. Freundschaft, Kunst, Humor sind wirklich die Quellen hundertjährigen Lebens.

Gehen wir davon aus, dass dies die weltweit gültige Mitgliederzahl im Jahr 1966 war, wobei in der Ausgabe „Derer Schlaraffen Zeyttungen Nr. 01 des Lethemonds a.U. 107 (1966), 95. Jahrgang“ der Ritter Mistral (334) auf Seite 4 folgendes kundtat:

So schreibt Algermissen im Lexikon für Theologie und Kirche, (Herder, Freiburg 1964): Schlaraffia, 1859 in Prag von Künstlern, Kunstfreunden und Schauspielern gegründet, dann als Allschlaraffia […] 1937 Zwangsauflösung in Deutschland, bald danach auch in Österreich. Zuvor in Europa, Amerika und Ostasien zusammen 14000 Mitglieder in 300 Reychen. Seit 1947 besteht die Schlaraffia auch in der BRD und in Österreich wieder.

Also, vor den Zwangsauflösungen in Deutschland und Österreich wuchs die Mitgliederzahl der Schlaraffia auf bis zu 14000 an. Geht man von der gültigen Zahl des Jahres 1915 mit 7000 Sassen aus, dann ist das ein sehr starker Zulauf, der aber bis in die heutige Zeit einem starken Schwund zu unterliegen scheint, den ich gerne mit der Entwicklung der Bevölkerungen in Deutschland und Österreich gegenüber stellen möchte und erlaube mir einen kleinen Exkurs.

Exkurs:
Laut Wikipedia-Eintrag hat der Weltbund Schlaraffia 10.300 Sassen (Stand 1. Juni 2013)6. Der größte Landesverband Deutschland zählt demnach 6517 und der kleinste in Lateinamerika 198 Sassen. Dazwischen gesellen sich Österreich mit 2519, Nordamerika mit 608 und Helvetica mit 466 Sassen. Heute dürfte die Mitgliederzahl aber weltweit unter 10.000 liegen.

Wie hat sich die Bevölkerung in den letzten 100 Jahren entwickelt?

Deutschland hatte folgende Bevölkerungsentwicklung von 19107 an:

Jahr DEUTSCHLAND D-West D-Ost Veränderung
1910 64,57 Mio
1950 69,35 Mio 50,96 Mio 18,39 Mio +7,40% (1910-1950)
2011 81,84 Mio 65,54 Mio 16,30 Mio +18,01% (1950-2011)
+26,75% (1910-2011)

Österreich zeigt die folgende Bevölkerungsentwicklung von 19108 an:

Jahr ÖSTERREICH D-West D-Ost Veränderung
1910 6,61 Mio
1950 6,93 Mio +4,84% (1910-1951)
2011 8,40 Mio +21,21% (1951-2011)
+27,08% (1910-2011)

Man braucht gar nicht die anderen Landesverbände der Schlaraffia statistisch hinzuziehen, um jetzt schon zu sehen, dass es dem weltweiten Herrenbund nicht gelungen war, ausreichend Mitglieder zu rekrutieren. Während die Bevölkerung in beiden Ländern wuchs, sank die Zahl der Sassen. Dem Wachstumsplus der Bevölkerung von Deutschland und Österreich von durchschnittlich 26,92% steht ein Mitgliederschwund von 27,70% der Sassen gegenüber. Somit klafft eine Lücke von 54,62%.

Gezeigter Exkurs, der zunächst nichts mit meiner Fragestellung der Ritterarbeit zu tun hat, ist ein wichtiges Beispiel dafür, was der Serendepitätseffekt bewirken kann, wenn man auf Informationen beim Recherchieren stößt, die man zuvor gar nicht suchte. So gewann ich die zusätzliche Information, dass ein starker Mitgliederabgang, gekoppelt mit einer hohen Lebenserwartung der Sassen, folgerichtig zu einer Überalterung der Vereinigung Schlaraffia führen musste.

Als zweiten „Feind“ nannte ich den „Konflikt mit dem Wandel der Zeit“ und dem Beispiel der „Informationsverteilung/-schnelle“ und der „Kommunikation untereinander“. Generationen, die eine Zeit des 20. Jahrhunderts erlebten und in der Schlaraffia nach wie vor überwiegen, stoßen automatisch auf gewaltige Kräfte der Generationen X9, Y10 und Millennials.

Ich gehöre der Generation X an und möchte mit meiner Ritterarbeit versuchen eine Brücke zu schlagen, die den älteren Sassen aufzeigt, warum moderne Technologien auch für den Herrenbund wichtig, ja sogar unumgänglich bzw. überlebensnotwendig sind. Deshalb habe ich mich in meinen Recherchen zum größten Teil auf neutrale und öffentlich zugängliche Quellen berufen, die ein jeder, bei Vorhandenseins eines Computers mit Internetanschluss, von Zuhause aus nachschlagen kann.


Lesen Sie in der nächsten Beitragsausgabe
„Der Proletarier-Club - Ein Wunschtraum?“

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1Chronik des Verbandes Allschlaraffia zur Hundertjahrfeyer in Norimberga a. U. 100 (1959), digitalisierte PDF-Ausgabe mit 527 Seiten
2Chronik des Verbandes Allschlaraffia zur Hundertjahrfeyer in Norimberga a. U. 100 (1959), digitalisierte PDF-Ausgabe Seite 51 (Seite 36 der Druckausgabe)
3https://de.wikipedia.org/wiki/Serendipit%C3%A4t
4Chronik des Verbandes Allschlaraffia zur Hundertjahrfeyer in Norimberga a. U. 100 (1959), digitalisierte PDF-Ausgabe Seite 21 (Seite 6 der Druckausgabe)
5„Grazer Tageblatt“ vom Freitag, den 19. November 1915, 25. Jahrgang Nr. 322, Seite 18, Spalte links, Artikel „Kriegshilfe der Schlaraffia“
6https://de.wikipedia.org/wiki/Schlaraffia
7Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2011 http://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/01%20Bevoelkerungsentwicklung.pdf
8https://de.wikipedia.org/wiki/Demografie_%C3%96sterreichs
9https://de.wikipedia.org/wiki/Generation_X_(Soziologie)
10https://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Y

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Ein hochinteressanter Bericht, auch wenn dieser so manchen „Berufsschlaraffen“ mit der festgefahrenen Meinungsbildung nicht gefallen dürfte. Ich bin auf Teil 2 sehr gespannt.