Teil 3 – 10. Oktober 1859 – Das magische Datum

Lesezeit: 6 Minuten

Hier lesen Sie den dritten Teil unserer HISTORY-Reihe „Ist das Gründungsdatum der Schlaraffia möglicherweise eine Fälschung?“. Der erste Teil startete am 12. August 2018. Um ganz sicher zu gehen, dass Sie keinen Teil verpassen, empfehlen wir Ihnen das kostenlose Abonnement durch Klick auf die gelbe Schaltfläche am Seitenanfang bzw. -ende dieses Artikels. Sie erhalten dann automatisch eine Benachrichtigung zugestellt.

10. Oktober 1859 - Das magische Datum

Wenn Geschichte zu leben beginnt! So fühlte ich, als ich etliche historische Schriften las. Und interessierte Schlaraffen lieferten mir zwischendurch Informationen, die ich doch bitte weiterverfolgen sollte. So auch ein aufmerksamer Chronist, der mir einen Internetlink27 zustellte. Es öffnete sich ein frei zugängliches zeitgenössisches Dokument, das aus dem Jahre 1880 stammen soll. Dieses Dokument müsste demnach ganze 18 Jahre früher geschrieben worden sein, als die Version des Ritters Drasal. Es ist nämlich die Geschichte über „Die Schlaraffengesellschaft“ von Ritter Plato der griechische Bummler (Eduard Schmidt-Weißenfels, Mitbegründer der Schlaraffia Praga und Gründer der Schlaraffia Berolina28).

Profan schrieb Schmidt-Weißenfels des Öfteren für das sehr beliebte Familienjournal „Die Gartenlaube“. In der mir übermittelten Ausgabe des illustrierten Familienblatts (Jahrgang 1880) erzählte er nicht nur wie die Schlaraffia zu verstehen ist, sondern auch wie sie entstand.

Sagenhaft schon ist der Anfang dieser Schöpfung geworden. Keine Chronik vermöchte ganz zuverlässig einen einzelnen als ihren einzigen Urheber zu bezeichnen. Zumeist waren es Mitglieder des Prager Landestheaters, die zuerst am 10. Oktober 1859 nach der Vorstellung auf Verabredung in einer Bierwirtschaft zusammenkamen und in lustigen Einfällen sich vergnügten. Damals besaß jene Bühne unter ihrem Direktor Thomé einen stattlichen Bestand an jungen, aufstrebenden Talenten, von denen mehr als eines später zu Ruhm und schönen Erfolgen gelangt ist. Diesem jungen Volk, bei dem theilweis lieb gebliebenes Studententhum mit künstlerischer Genialität sich versetzte, war das Kneipen helle Lust, und jugendlicher Uebermuth suchte ihm einen idealen Zug zu geben. So entstand dort, was eine so große, ungeahnte Zukunft haben sollte.

Das Datum des 10. Oktobers 1859 wird von Schmidt-Weißenfels für die erstmalige „Verabredung in einer Bierwirtschaft“ von Mitgliedern des Prager Theaters fixiert, die nach einer Vorstellung dort zusammenkamen, um sich in „lustigen Einfällen“ zu vergnügen. Weiter schrieb er:

Um dieselbe Zeit hatte sich in Prag ein ästhetisch-litterarischer Verein unter dem Namen „Arcadia“ gebildet, dem auch mehrere Angehörige des Theaters beitraten. Als aber einmal ein neu angemeldetes Mitglied bei der Ballotage29 abgelehnt wurde, erklärtem im kollegialischem Ehrgefühl die schon aufgenommenen ihr Ausscheiden aus dieser Gesellschaft. Trutziglich beschlossen sie, aus der erwähnten lustigen Kneipverbrüderung eine freie Künstlervereinigung zu machen. Ihr Theaterdirektor schloß sich an und zog einen weiteren Theil seines Personals an sich; ebenso wurden neue Mitglieder aus anderen Berufskreisen gewonnen.

Laut Aufsatz von Schmidt-Weißenfels ist weder der 10. Oktober 1859 das Gründungsdatum der Schlaraffia, noch ist ein Hinweis gegeben, dass der Theaterdirektor Thomé der Arcadia angehört haben musste. Thomé schloss sich lediglich der „Kneipverbrüderung“ an, die eine freie Künstlervereinigung war. Auch ist in seinem Aufsatz niedergeschrieben, dass der Austritt von Mitgliedern des Prager Theaters aufgrund einer Schwarzkugelung eines neu angemeldeten Mitglieds erfolgte und nicht, weil im Verlauf einer Konversation das Wort „Proletariar“ fiel. Auch ist der Hinweis interessant, dass die neue freie Künstlervereinigung andere Berufskreise als Mitglieder gewann; also Kreise, die der klassischen darstellenden, literarischen und musischen Kunst wohl fremd waren. Schmidt-Weißenfels schrieb weiter:

Die auf solche Weise stattlich verstärkte Gesellschaft taufte sich in absichtlicher Herausforderung gegen die so wählerischen Arcadier unter großem Jubel „Schlaraffia“ und nahm sogleich den Umzug in ein anderes geräumigeres und besser geeignetes Lokal vor, bei welchem schon schlaraffischer Spaß genugsam in Scene gesetzt wurde.

Bei solch einem historischen Fund musste ich mir natürlich die Frage stellen, ob die von Schmidt-Weißenfels vorgetragene Version zur Gründung der Schlaraffia stimmen konnte und der zeitliche Kontext passte? Also forschte ich weiter und entdeckte Interessantes. Ich stieß beispielsweise auf ein Dokument30 aus dem Jahre 1859, in dem ein Literaturkritiker (H. M.) über die „Charaktere der deutschen Literatur - von Schmidt-Weißenfels, zwei Bände, Prag, Kober und Markgraf 1859, Nr. 8“ schrieb. Dort bescheinigte der Kritiker dem Autor Schmidt-Weißenfels das Fehlen an Kenntnis historischer Vergangenheit wie folgt:

Schmidt-Weißenfels ist ganz ein Kind der Gegenwart, das alle Leiden und Gebrechen der Generation aufs schmerzlichste mitempfindet; aber es fehlt ihm an Kenntnis der historischen Vergangenheit, an gründlichen Studien und literarischer Durchbildung. Wir trauten unseren Augen kaum, als wir bei ihm lesen mußten, daß Lessing31 ein Jude gewesen. Der Verfasser hebt vielleicht sehr treffend hervor, daß der germanische Geist wie kein anderer mit der Eigenthümlichkeit behaftet sei, „neben dem positiven Schaffen auch die Kritik auszuüben“ und „das ewige Wesen und die ewige Wahrheit herauszuholen“, daß diese angeborene Dialektik, „welche ihm eine Weltanschauung ohnegleichen verschafft hat und ihn hoch über den Geist aller anderen Rassen stellt“, ihn dem Geist des Judenthums vielfach verwandt mache, daß beide, der jüdische wie der germanische Geist deshalb auch in einer „wunderbaren Harmonie“ zusammengingen, „sobald diese kritische Epoche sich geltend macht“, und er fährt dann fort: „So war es bei Spinoza32, so bei Lessing, so bei Börne33 und Heine34“, und ein paar Seiten darauf sagt er: „Um den Gegensatz zu diesem Kampf hinzustellen, führt Auerbach die auf der Höhe der Zeitideen stehenden Juden ein, nämlich Lessing und Mendelssohn“. Der Verfasser, wenn er es sonst nicht wußte, hätte er nur das Conversations-Lexikon aufschlagen dürfen, um in Erfahrung zu bringen, daß Lessing der Sohn eines protestantischen Predigers war. Von der Ironie, womit, wenn wir uns recht erinnern, Wolfgang Menzel in moralischer und geistiger Beziehung Lessing einen Juden genannt hat, müssen wir Schmidt vollkommen freisprechen; Ironie ist ihm ein gänzlich fremdes Element; aber historische Gewissenhaftigkeit sollte ihm wenigstens nicht fremd sein. Des Verfassers Stil kennen unsere Leser aus seinen Beiträgen für d. Bl.; er ist gewandt, fließend, sehr lebhaft, oft glänzend, aber zuweilen phrasenhaft und zu bilderreich, an Stellen, wo der einfachste Ausdruck auch der wirksamste sein würde; es fehlt ihm an Bestimmtheit und Correctheit; es finden sich nicht selten Verstöße gegen die deutsche Grammatik und Syntax und Flüchtigkeiten und Nachlässigkeiten, die selbst bei mangelhafter Kenntnis der Grammatik bei einiger Aufmerksamkeit leicht zu vermeiden waren; die Satzbildung erinnert zuweilen an französische Constructionen, an die der Verfasser noch von seiner langjährigen Beschäftigung an pariser Journalen her gewöhnt sein mag, die er aber abzuthun nun ernstlich bedacht sein sollte, seitdem er nicht mehr französischer, sondern deutscher Journalist ist.

So sehr man die Leistungen Schmidt-Weißenfels auch ehrte, so hatte wohl auch er Schwächen. Um die Objektivität meiner Recherchearbeit zu wahren, sind auch solche Ergebnisse zu benennen. Und mal ehrlich: Ist die Literaturkritik, bezogen auf die Geschichte „Die Schlaraffengesellschaft“, nicht trefflich formuliert? Wer sie liest, entdeckt das Bildreiche, Lebhafte und Glänzende in seinen Zeilen. Und wäre es nicht denkbar, dass, um die Leselust beim Leser aufrechtzuerhalten, man auf die eine oder andere Genauigkeit, Bestimmtheit oder Korrektheit verzichtete?

Dennoch wollte ich wissen, wie glaubhaft Schmidt-Weißenfels Erzählungen einzustufen sind und untersuchte das Jahr 1859 weiter. Was spricht für seine Version, die doch in wichtigen Punkten von den Erzählungen des Ritters Drasal und Dr. Walko abweichen? Dazu prüfte ich die Zeilen von ihm und fragte mich, werde ich seine Darstellungen als unrichtig entlarven können? Doch dazu mehr in der kommenden Ausgabe.


Lesen Sie in der nächsten Beitragsausgabe
„Die Schlaraffengesellschaft - Ein Werk aus dem Jahre 1880?“

Abonnieren Sie jetzt HISTORY kostenlos mit Klick auf die gelbe Schaltfläche unterhalb


———————————————
27Gartenlaube - Truymannia
28„Derer Schlaraffia Zeyttungen“ vom Brachmond a.U. 106, Nr. 9, 93. Jahrgang, Seite 18 im PDF (Seite 16 der Druckausgabe), Juni 1965
29https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelung
30„Blätter für literarische Unterhaltung“ Nr. 15 vom 7. April 1859 aus dem Druck und Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig
31https://de.wikipedia.org/wiki/Gotthold_Ephraim_Lessing
32https://de.wikipedia.org/wiki/Baruch_de_Spinoza
33https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_B%C3%B6rne
34https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine

2

avatar
1 Kommentar-Thread
1 Thread-Antworten
2 Follower
 
Beliebtester Kommentar
Beliebtester Kommentar-Thread
2 Kommentarautoren
Applood der ZwischennetzerPhuks Letzte Kommentarautoren
  Abonnieren  
Neuste Älteste Beste Bewertung
Meldungen zu
Phuks
Mitglied

R.G.uH.z.! Viellieber Rt. Appolod, Eure letzten Zeilen stimmen mich nachdenklich und ich hoffe, dass Eure vortreffliche Ritterarbeit nicht mit zuviel Skepsis ausgestattet ist. Mir liegt die Kopie eines Dokumentes vor, das unzweifelhaft von Graf Gleichen am 10. Oktober 1863 in Prag als Buch veröffentlicht wurde. Das Original befindet sich im Senckenberg Museum in Frankfurt/Main und kann dort eingesehen werden. Dieses Bändchen ist eine Zusammenfassung der in der Schlaraffia im Jahr 1863 gebräuchlichen Lieder. Es trägt den Titul „Schlaraffia Klänge – 2000 Veru Oho und Ahate Ausgabe“ Das ist die älteste mir bekannte Ausgabe der Schlaraffia Klänge und ist de facto… Mehr lesen »