Teil 6 – Die Kunst des Geflunkers über die Gründungszeit der Schlaraffia

Lesezeit: 9 Minuten

Hier lesen Sie den sechsten Teil unserer HISTORY-Reihe „Ist das Gründungsdatum der Schlaraffia möglicherweise eine Fälschung?“. Der erste Teil startete am 12. August 2018. Um ganz sicher zu gehen, dass Sie keinen Teil verpassen, empfehlen wir Ihnen das kostenlose Abonnement durch Klick auf die gelbe Schaltfläche am Seitenanfang bzw. -ende dieses Artikels. Sie erhalten dann automatisch eine Benachrichtigung zugestellt.

Die Kunst des Geflunkers über die Gründungszeit der Schlaraffia

In der vergangenen fünften Ausgabe wurde belegt, dass die Geschichte „Die Schlaraffengesellschaft“ vom Mitbegründer der Schlaraffia zu Prag, Eduard Schmidt-Weißenfels (Ritter Plato der grieschiche Bummler), nicht aus dem Jahre 1880 stammen konnte und eine historische Unkorrektheit verbreitet wurde. Weiter habe ich nachgewiesen, dass die Etablierung des Namens „Schlaraffia“ tatsächlich im Jahr 1859 erfolgte und die Gründungszeit auf den Zeitraum zwischen dem 10.10. und dem 17.12.1859 eingegrenzt werden konnte. Die Allschlaraffia liegt mit ihrer zeitlichen Aussage zur Namensgebung des Herrenbundes und zu ihren ritterlichen Gebräuchen mit ihrer Chronik nicht richtig. Freundlich verweise ich auf meinen vierten Teil vom 14. Oktober 2018.

Nun sind wir erneut an einer historisch spannenden Stelle angekommen. Sicher ist, dass der weltweite Herrenbund in jenen 58 Tagen gegründet wurde.
Aber war es tatsächlich der 10. Oktober 1859?

Geht es Ihnen manchmal auch so, dass Sie sich beim Lesen eines Buches in eine andere Epoche versetzt fühlen und in der Geschichte beginnen ein Leben zu führen? Mir erging es so und ich fragte mich, was kann alles in damaligen 58 Tagen passiert sein? In einer Zeit, in der es kein Telefon, Internet und Fernsehen gab und Informationen und Behördengänge auf analogen Wegen erfolgten, die weitaus mehr an Zeit brauchten. Zwar gab es bereits die Telegrafie, so dass man einen Text mithilfe von Elektrizität übertragen konnte, doch dürfte diese für meine Recherche kaum eine Bedeutung gehabt haben.
Bezogen auf „Die Schlaraffengeschichte“ fragte ich mich, für wie wahrscheinlich kann es als richtig angesehen werden, dass in 58 Tagen sich erstmals Mitglieder des Prager Theaters in einer Bierwirtschaft trafen, sich dazu mit lustigen Einfällen vergnügten, die Arcadia sich um dieselbe Zeit bildete, der Theaterdirektor Thomé sich der Kneipverbrüderung anschloss, die neue und freie Künstlervereinigung weitere Berufskreise als Mitglieder aufnahm, dazu stattlich wuchs, um sich dann in „absichtlicher Herausforderung gegen die so wählerischen Arcadier“ den Namen „Schlaraffia“ zu geben und auch noch in ein geräumigeres Lokal umzog?

Wird man da als Leser nicht stutzig, wenn es einem gelingt, eine Geschichte durch historische Funde auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen? Ich wurde stutzig.
Das Internet bietet eine Fülle an Recherchemöglichkeiten. Nur warum haben die obersten Hüter Schlaraffias ihre eigene Geschichte nicht hinterfragt, wenn, wie sie selbst sagen, keine sicheren schriftlichen und authentischen Unterlagen existieren67, die eine propagierte Überlieferung bestätigen?
Kann es vielleicht sein, dass der erlauchte Kreis Erkenntnisse hatte, diese aber nicht weiter kommunizieren wollte? Oder sind womöglich innerhalb der Schlaraffia Kräfte wirksam, die der Kunst, dem Humor und der Freundschaft fern sind? Wurde vielleicht der Begriff der „Freundschaft“ als Deckmantel eines Bandenschwurs benutzt? Liebe Leser, ich provoziere ein wenig und möchte auf diese Frage zunächst nicht näher eingehen.

Ehrlich gesagt, ich halte die Geschichte „Die Schlaraffengesellschaft“ aus der Gartenlaube nur in Teilen für glaubhaft. Und bei genauerer Betrachtung hatte Schmidt-Weißenfels mein Untersuchungsergebnis bereits vorweggenommen. Er schrieb wie folgt68:

Sagenhaft schon ist der Anfang dieser Schöpfung geworden. Keine Chronik vermöchte ganz zuverlässig einen einzelnen als ihren einzigen Urheber zu bezeichnen.

Dies belässt, wie den anderen Chronisten auch, viel Spielraum, seine eigene Fantasie zur Entstehung der „Schlaraffia“ auszuleben. Die Schlaraffen, gerade zu jener Zeit, wollten unterhalten und unterhalten werden. Schmidt-Weißenfels tat dies im Besonderen. Und welcher Künstler kann von sich behaupten, dass er a) kaufmännisch fit oder b) bürokratisch sicher war, um eine wahrhaftige Chronik zu schreiben?

Es sei daran erinnert, dass Ritter Drasal vom Glockenturm (Albert Maertens), der in der Schlaraffia zu Prag das Ambt des Wappen-, Adels- und Archivar inne hatte und die „Chronica allschlaraffiae“ 1898 verfasste, profan Schauspieler war. Und Ritter Plato der griechische Bummler (Schmidt-Weißenfels) die Prager Schlaraffia mitbegründete und sich mit seiner Geschichte in der „Gartenlaube“ verewigte, profan Schriftsteller und Journalist war.

Aus meiner eigenen schlaraffischen Zeit weiß ich, dass Sippungsprotokolle nicht immer korrekt geführt wurden. Auch war nicht jeder Einwand eines Schlaraffen zur vorgetragenen Protokollführung richtiger. Ich glaube eher, dass unser persönliches Empfinden mehr Einfluss ausübte, als die eigentlich gewünschte sachliche Darstellung eines Protokolls. Und mit Sicherheit war das damals nicht anders, vielleicht sogar ausgeprägter.

Lassen Sie mich aber erneut auf die Theaterzeitung „Der Zwischen-Akt“69 zurückkommen und auf die dortige Veröffentlichung eingehen, weil sie mir äußerst bedeutend erscheint. Ich führe den Abschnitt nochmals auf:

Unsere Stadt wird jetzt zwei Künstlergesellschaften besitzen, deren Abgang bisher fühlbar war. Die eine heißt „Arcadia“ und wird sich bald nach Neujahr aus den Capazitäten der Wissenschaft, Literatur und Kunst constituieren, jedoch auch Dilettanten so wie Kunstfreunden offen sein. Die zweite heißt „Schlaraffia“, sie ist vorwiegend scherzhafter Tendenz und größtentheils aus Bühnenmitgliedern bestehend. Die letztere Gesellschaft feierte Samstag recht vergnügt und anregend Beethoven‘s Gedächtnistag.

Es waren also zwei neue Künstlergesellschaften entstanden, die aber unterschiedliche Zielgruppen verfolgten. Interessant hierbei ist, dass gerade die elitäre Arcadia auch „Dilettanten“ und „Kunstfreunden“ offen sein wollte.
Passende Synonyme zum Dilettanten sind der „Stümper“ oder „Nichtskönner“, aber auch der „Anfänger“ oder „Nichtfachmann“. Nur wie passt das bitte mit der überlieferten Entstehung des Proletarier-Clubs zusammen? Bereits in meinem zweiten Teil dieser History-Reihe habe ich dargelegt, dass die Wahrscheinlichkeit des Proletarier-Clubs nicht gegeben sein muss und abermals deutet ein Indiz darauf hin, dass dieser nicht ins gezeichnete allschlaraffische Bild passt. Wurde die Arcadia durch die Gründung der Schlaraffia geschwächt? Sah sie sich genötigt, sich einem ungeliebten Kreise öffnen zu müssen?

Die Schlaraffia, so scheint es, war deutlicher zuzuordnen und genoss die Schelmerei, den Witz bzw. die Ausgelassenheit. Doch woher wusste die Theaterzeitschrift das alles?

An dieser Stelle verweise ich auf einen weiteren Fund aus dem Jahre 1859 (Januarausgabe) in der Wiener Zeitung70. In dieser hieß es:

Aus Prag 26. Jän. wird uns geschrieben: Wir haben wieder einen journalistischen Todten zu registrieren. Das „Österreichische Morgenblatt“ existiert nicht mehr. Das Blatt hatte das Eigenthümliche, daß es zweimal starb. Im März vorigen Jahres mit großem Pomp aufgetaucht, vermochte es trotz ziemlicher pekuniärer Mittel sich nur einige Monate zu erhalten, und im Oktober v. J. als Wochenblatt wieder in’s Leben gerufen, führte es ein Scheinleben von nur vier Monaten. Es lieferte beidesmal den Beweis, daß glänzende Mitarbeiter-Namen allein nicht genügen, sondern daß auch eine umsichtige Redaktion dazu gehört, einem Blatte Eingang und Halt zu verschaffen. Wenn ein vielverbreitetes Gerücht wahr spräche, würde diese Lücke in der Prager Journalistik bald wieder ersetzt werden. Theaterdirektor Thomé soll beabsichtigen ein eigenes Theaterblatt - das nach den Einen „Zwischenakt“ nach Anderen „Prager Theaterzeitung“ benannt werden würde - zu gründen. Wir glauben nicht recht an diese Sage. Ist ein Theater gut geleitet, so bedarf es keines eigenen Organes; ist es schlecht geleitet, dann wird sich das Publikum durch ein solches Direktionsorgan keineswegs bestimmen lassen, das Schlechte oder Mittelmäßige gut zu finden. Wir haben das in Prag am „Salon“ erlebt, den ein früherer Theaterdirektor als seinen journalistischen Schutz und Schirm gegründet hatte. Ursprünglich hieß es, der „Zwischenakt“ habe den Zweck, dem satyrischen Blatt „Rübezahl“ ein Paroli zu bieten, der sich in häufigen derben Ausfällen gegen das Theater ergeht und sich diesfalls auch bereits eine Preßklage zugezogen haben soll. - Da ich schon vom Theater spreche, füge ich die Notiz bei, daß in einer dieser Tage gehaltenen Sitzung die ständische Theateraufsicht dem Hrn. Direktor Thomé die Auszahlung der fälligen Subventionsrate bewilligt hat. Die Berücksichtigung des Satzes, daß „Aller Anfang schwer ist“, mag wohl den Hauptausschlag bei dieser Bewilligung gegeben haben, denn selbst die wärmsten Vertheidiger der gegenwärtigen Direktion läugnen nicht, daß unsere jetzigen Theaterzustände gar viel zu wünschen übrig lassen. Im heurigen Sommer wird das Theater neu umgebaut, vielleicht werden in dem neuen Gebäude auch die Theaterzustände selbst besser werden! Zu wünschen wär’s.

Der verantwortliche Redakteur der Wiener Zeitung, Dr. Leopold Schweitzer, schien dem Theaterdirektor Thomé nicht besonders wohlgesonnen zu sein. Er selbst glaubte nicht so recht an die Sage der Theaterzeitung „Der Zwischenakt“, obwohl selbige schon im Januar 1859 mit der ersten Ausgabe des Wiener „Zwischen-Akts“71 erschien. Auch wenn Thomé in dieser Zeitung nicht als Gründer, Teilhaber oder Verleger genannt ist, so wäre es dennoch denkbar, dass er an ihrer Entstehung oder Förderung mitwirkte. Diese Erklärung scheint mir sinnig, weshalb „Der Zwischen-Akt“ in seiner Ausgabe vom 30. Dezember 1859 so freudig über zwei Künstlergesellschaften zu Prag zu berichten wusste.

Meine Ritterarbeit wollte nicht enden, so schien es. Mit jedem Fund stieß ich auf ein weiteres interessantes Mosaik. Doch von alledem wurde durch den Herrenbund selbst nur sehr wenig entdeckt. Meine ganzen Funde trug ich wie ein Puzzlespiel zusammen. Aber das Puzzle hatte mir noch zu viele fehlende Teile. Werde ich jemals den wahren Schatz der Schlaraffia entdecken und heben können?

Lesen Sie mehr dazu in meinem siebten Teil.


Lesen Sie in der nächsten Beitragsausgabe
„Bleibt die Entstehung Schlaraffias ein Geheimnis?“

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67Chronik des Verbandes Allschlaraffia zur Hundertjahrfeyer in Norimberga a. U. 100 (1959), digitalisierte PDF-Ausgabe Seite 51 (Seite 36 der Druckausgabe).
68„Die Schlaraffengesellschaft“ erschienen in „Die Gartenlaube - Illustriertes Familienblatt“, Jahrgang 1880
69„Der Zwischen-Akt“ vom Freitag, den 30. Dezember 1859, Nr. 302, 2. Jahrgang, Seite 3, mittlere Spalte „Prag“
70„Wiener Zeitung“ vom 29. Jänner 1859, Nr. 23, Seite 7, linke Spalte unter „Vermischtes“
71„Der Zwischen-Akt“ vom 1. Jänner 1859, Nr. 1, 2. Jahrgang

2 Gedanken zu „Teil 6 – Die Kunst des Geflunkers über die Gründungszeit der Schlaraffia

  1. AdmiRiol der fritzige Se(h)emann 331

    Viellieber Rt Applood! Sehr interessant und aufschlussreich, kann nicht erwarten den Ausgang dieser wie mir scheint profunden Recherche zu lesen.
    AdmiRiol

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